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27.06.2010

Apples Erhebung von Standortdaten: Politischer Aktionismus mit dreijähriger Verspätung

"Den Nutzern von iPhones und anderen GPS-fähigen Geräten muss klar sein, welche Informationen über sie gesammelt werden", sagte die deutsche Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger dem Spiegel. "Ich erwarte, dass Apple deutschen Datenschützern Einblick in die Datenbanken gewährt", so die Justizministerin, die von Apple fordert, die Informationen über die erhobenen und gespeicherten Daten "unverzüglich offenzulegen". Auch zwei US-Kongressmitglieder forderten vergangene Woche von Steve Jobs die Beantwortung etlicher Fragen bis Mitte Juli über Apples Erhebung von Standortdaten und deren weiteren Verwendung. Nun ist es zwar grundsätzlich erfreulich, dass sich auch die Politik für die in Firmenhänden massiv anfallenden Standortdaten zu interessieren beginnt, doch hinterlassen die hektischen Bemühungen den Beigeschmack von reinem aufgescheuchtem Aktionismus, nachdem sich im medialen Sperrfeuer der Irrglaube verbreitete, Apple würde neuerdings urplötzlich seine Nutzer dazu zwingen, ihre Standortdaten preiszugeben. Zwar findet sich der Standortdaten-Hinweis (endlich) in Apples neuer Datenschutzrichtlinie, doch ist die Erhebung von Ortsdaten durch das Unternehmen natürlich ein alter Hut: Seit 2007 schnappt sich Apple die Einwilligung zur "Verwendung nicht persönlicher Daten" mit dem iPhone-Softwarelizenzvertrag, der auch die Orts- bzw. Ortungsdaten an vorderer Stelle deutlich beschreibt:
"Apple, seine Partner und Lizenznehmer stellen über Ihr iPhone möglicherweise bestimmte Dienste bereit, die auf Ortungsdaten beruhen. Um diese Dienste bereitstellen und optimieren zu können, wo vorhanden, sind Apple, seine Partner und Lizenznehmer berechtigt, Ortungsdaten, einschließlich die geografische Echtzeitposition Ihres iPhone und Ortssuchanfragen zu übertragen, zu sammeln, zu verwalten, zu verarbeiten und zu verwenden. Die von Apple gesammelten Ortungsdaten und -abfragen werden in einer Form erfasst, die Sie nicht persönlich zu erkennen gibt, und dürfen von Apple, seinen Partnern und Lizenznehmern zur Bereitstellung und Optimierung von ortsbasierten Produkten und Diensten verwendet werden. Indem Sie ortsbasierte Dienste auf Ihrem iPhone verwenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass Apple, seine Partner und Lizenznehmer Ihre Ortungsdaten und -abfragen übertragen, sammeln, verwalten, verarbeiten und verwenden, um Ihnen diese Produkte und Dienste anbieten und sie optimieren zu können."

Dies steht dort in nahezu unveränderter Form seit immerhin drei Jahren und anders wären eine Ortung über Google Maps, die von der Navi-App gelieferten Verkehrsinformationen zum eigenen Aufenthaltsort oder der Check-in mit Foursquare auch schwerlich möglich, um nur einige der auf der Hand liegenden Beispiele zu nennen.

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"Sie können Ihr Einverständnis jederzeit widerrufen, indem Sie zur Einstellung für Ortungsdienste auf Ihrem iPhone navigieren und entweder die globale Einstellung „Ortungsdienste“ oder die individuelle Einstellung jedes Programms mit Ortserkennung auf Ihrem iPhone deaktivieren. Die Deaktivierung oder Nichtverwendung dieser Ortungsfunktionen hat keinerlei Auswirkungen auf die nicht ortsbasierten Funktionen Ihres iPhone. Wenn Sie Programme oder Dienste von Drittanbietern auf dem iPhone nutzen, die Ortsdaten verwenden oder bereitstellen, unterliegen Sie den Bestimmungen und der Datenschutzstrategie zur Verwendung von Ortsdaten solcher Programme oder Dienste von Drittanbietern und sollten diese vorher lesen", so Apple weiter - die Möglichkeit zum Opt-Out aus der Standortdatenerhebung ist also denkbar unkompliziert.
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Das gleiche gilt übrigens ebenso für Snow Leopard, dort findet sich die Möglichkeit in der Systemeinstellung "Sicherheit".

Als ein Unternehmen mit dem Hauptverdienst aus Hard- wie Softwareverkauf wirkte Apple als Datensammler bislang nicht allzu besorgniserregend, doch der Einstieg des Unternehmens in den mobilen Werbemarkt wirft diese Unbesorgtheit zumindest auf längere Sicht über den Haufen. Zwar dürfte die Werbeplattform iAd im Vergleich zu Apples Gesamtumsatz bis auf weiteres kaum nennenswerte Summen umsetzen, doch wird die Frage immer entscheidender, welche Nutzerdaten z.B. aus Einkäufen mit iTunes-Accounts und welche Standortdaten bei der App-Nutzung auch gezielt für Werbezwecke eingesetzt werden und inwiefern dieses gezieltere Targeting per Opt-Out aus dem Cookie-Tracking tatsächlich unterbunden werden kann. Dies im Detail zu erfahren wäre deutlich aufschlussreicher und wichtiger als das Geblubber um die Standortdaten zur Bereitstellung bestimmter Dienste - sollten im Rahmen der geforderten Datenbankeinsicht allerdings auch die Fragen zum iAd-Targeting geklärt werden, dann könnte ich mich mit dem plötzlichen Aktionismus dies- wie jenseits des Atlantiks umgehend anfreunden. (Danke an alle Tippgeber!)

Posted by Leo at 21:43 | Permalink